08.04.2019

"Die Wahrheit liegt nicht mehr auf dem Platz, sondern in den Kamerabildern"

Autor / Quelle: Julian Berndt

Bundesliga-Schiedsrichter Harm Osmers hält Vortrag zum Thema „Ein Bundesliga-Spiel aus der Perspektive eines Schiedsrichters“

Mit der Note 2 bewertete die Sportzeitschrift „Kicker“ das von Harm Osmers geleitete Freitagabendspiel in der Fußball-Bundesliga zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und Bayer 04 Leverkusen. Osmers, so die Kicker-Bewertung, „gönnte dem Spiel guten Fluss, lag auch bei knappen Abseitsentscheidungen richtig.“ Wenige Tage später erzählte Osmers im Festsaal des Landgasthof Seebeck in Flögeln von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus eben jener höchsten deutschen Fußball-Liga.

Seine schwarze Schiedsrichterkluft hatte der in Hannover lebende DFB-Referee gegen Hemd, Pullover, Jeans und Sneaker eingetauscht. Vor den mehr als 95 Schiedsrichter, die der Einladung des Kreisschiedsrichterausschusses Cuxhaven gefolgt waren, erzählte Osmers von seinem Schiedsrichteralltag, von der Ansetzung über die Spielvorbereitung bis hin zur Nachbesprechung mit dem SR-Beobachter, fragte die Gäste nach ihrer Meinung zu Spielszenen und gab den Schiedsrichtern Tipps für ihre Spielleitung.

Zu Beginn blickte der 34-jährige auf den Anfang seiner Karriere zurück. Osmers startete mit 15 Jahren beim Heimatverein SV Baden (Kreis Verden). Als Gründe für die Teilnahme am Schiedsrichter-Anwärter-Lehrgang führt er „Langeweile und ein wenig Taschengeld“ an. Es folgte eine steile Karriere. Im Jahr 2016 debütierte er in der 1. Bundesliga. „Ein Schiedsrichter sollte vorbereitet, aber nicht vorbelastet in ein Spiel gehen“, so Osmers im Hinblick auf die Vorbereitung einer Partie. Für die Vorbereitung nutzt er ein vom DFB zur Verfügung gestelltes System, in dem sämtliche Partien der europäischen Topligen hinterlegt sind. So kann er die Spielweise der Teams analysieren, um im Spielgeschehen antizipieren zu können, was als nächstes passieren könnte. Während der Spielleitung versuche er zu erkennen, wo das nächste Problem entstehen könnte. „Jede Überraschung im Spiel führt zu einer Lähmung“, berichtet Osmers, der mehrmals die Woche körperlich trainiert, um die notwendige Fitness für eine Laufleistung von zehn bis zwölf Kilometern pro Spiel mitbringen zu können. Zum Vergleich: Bayerns Joshua Kimmich ist mit durchschnittlich 12,04 km pro Begegnung der laufstärkste Spieler der Bundesliga.

Für die Akzeptanz eines Schiedsrichters bei Spielern seien Auftreten und Körpersprache von großer Bedeutung. „Ware und Verpackung müssen stimmen“, sagt Osmers. So sollten Unparteiische mit Hilfe von eindeutigen Geesten den Spielern klare Botschaften vermitteln und Blickkontakt halten, um jenen ein Gefühl von Respekt und Wertschätzung zu geben. Während eines Fußballspiels treffen Schiedsrichter durchschnittlich 220 Entscheidungen. Bei durchschnittlich 0,7 Sekunden zwischen Wahrnehmung und Entscheidungsfindung bleibt einem Schiedsrichter jedoch nicht viel Zeit. Osmers erklärt, dass je später ein Pfiff erfolge, desto mehr leide die Akzeptanz der getroffenen Schiedsrichterentscheidung. Dennoch gelte für ihn: Sicherheit vor Schnelligkeit. In solchen Szenen vertraut er seiner angeeigneten Erfahrung aus vergangenen Spielen.

Osmers gab den anwesenden Schiedsrichtern auch Tipps im Umgang mit Kritik: „Die Kritik richtet sich nicht gegen den Schiedsrichter persönlich. Jeder andere, der die Entscheidung trifft, würde sie ebenfalls abbekommen.“ Ein Unparteiischer dürfe sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Heutzutage, in Zeiten des VAR und der Superzeitlupe, kann jedes Foulspiel aus diversen Blickwinkeln betrachtet werden. „In Zeitlupe sieht ein Foulspiel immer schlimmer aus. Diese gilt jedoch als Bewertungsmaßstab“, so Osmers in Bezug auf den Einsatz der Medien. Daher müssten er und seine Kollegen beim Videobeweis ihre eigene Wahrnehmung der Szenen mit den Fernsehbildern in Einklang bringen. „Die Wahrheit liegt nicht mehr auf dem Platz, sondern in den Kamerabildern“, sagt Osmers weiter, weil jene Bilder für die meisten Zuschauer der Wahrheit entsprächen. Um etwaige Fernsehbilder richtig einschätzen zu können werden alle Bundesliga-Schiedsrichter in Schulungsseminaren durch den DFB und die DFL intensiv geschult. „Nur wenn es gelingt, die Fernsehwahrheit zu treffen, rückt der Schiedsrichter nicht in den Mittelpunkt“, sagt Harm Osmers.

Der generelle Trend im Fußball, so Osmers, gehe zu weniger Foulspielen. Aus Statistiken geht hervor, dass in der Bundesliga und auch auf internationaler Ebene beispielsweise in der Champions League immer weniger Fouls begangen werden. Dieser Trend hebt auch den Anspruch an die Schiedsrichter auf ein neues Level, denn Spieldynamik und Intensität nehmen stetig zu.

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Seite zuletzt aktualisiert am: 22.04.2019